Eine negative Wissenschaftsgeschichte beruht auf der Annahme, dass sich wissenschaftlicher Fortschritt in seiner Pluralität und historischen Komplexität gerade an jenen Orten gut begreifen lässt, wo er fragil wird: etwa im Umgang mit Irrtümern und Unwissen, in der Abwehr von Ignoranz oder in den Auseinandersetzungen darum, welche Autorität als wissenschaftliche gelten darf und was als «Pseudowissenschaft» ausgeschlossen wird.
Eine besondere Schärfe gewinnen diese Gegensätze dort, wo sich die Grenze zwischen Unsichtbarkeit und Sichtbarkeit verschiebt. Wie kann etwas zum Gegenstand von Erkenntnis werden, was sich der unmittelbaren Wahrnehmung entzieht, und welche Wirklichkeit kommt ihm dabei zu?
Diesem Essay dient die Geschichte des Okkultismus als Spielfeld. Der Okkultismus ist eine Erfindung des späten 19. Jahrhunderts und gehört damit genau in jene Phase, in der sich moderne Wissenschaft neu ordnet. Seinen Vertreter:innen versprach der Okkultismus nichts weniger als eine waghalsige Reise an die Grenzen des Wissens: eine Beschäftigung mit dem noch nicht Gewussten, mit Phänomenen, deren Ursachen den Sinnen verborgen blieben und die dennoch eines Tages wissenschaftlich erschlossen werden könnten. Der wissenschaftliche Vorstoss ins Unsichtbare und die damit einhergehende Auflösung der materiellen Realität in Strahlen, Felder und Schwingungen standen zum Okkultismus nicht bloss in Konkurrenz, sondern verstärkten zugleich die Hoffnung, die Gegenstände des Transzendenten endlich als Teil eines gesicherten Wissens einzuverleiben. Historisch-kritisch betrachtet wird der Okkultismus zur oszillierenden Grenzfigur der Moderne – ein Feld, an dem sich exemplarisch zeigen lässt, wie Grenzziehungen, Ausschlüsse und Kämpfe um das Unsichtbare an der Ausbildung moderner Wissenschaftlichkeit mitwirkten. Seine scheinbare Aufmüpfigkeit, sein eingeschriebener Gestus des Widerstands gegen etablierte Ordnungen des Wissens, schlägt nicht selten in pedantische Gewissheitsbedürfnisse, heroische Selbststilisierungen und mitunter auch in konservative Gesellschaftsvisionen um.